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Täglich
treffen wir auf der Straße, im Park oder beim
Einkaufen verschiedene Menschen, von denen wir
überhaupt nichts wissen und die wir nur nach ihrem
Aussehen, ihrem Benehmen oder ihrer Sprache
beurteilen können. Aber nicht jeden Tag bekommen
wir die Gelegenheit eine Persönlichkeit zu
treffen, die uns das schöne, wärmende Gefühl
vermittelt, dass diese Welt doch nicht so
verdorben ist, wie es uns ständig eingeredet wird.
Vielleicht werden Sie mit einem Lächeln denken,
dass ich übertreibe, ich kann schon Ihre
Bemerkungen über naive Romantik oder rosa Brillen
hören. Mit Sicherheit NICHT! Denn ich habe
wirklich mit so einem Gefühl ein ungewöhnliches
abendliches Treffen verlassen, obwohl es am Anfang
überhaupt nicht so ausgesehen hat...
Zur Einführung wurde ich in schönem, lauten
mährischen Dialekt begrüßt: „Falls ich Ihnen
gestern genug Zeit versprochen haben sollte, dann
stimmt es heute überhaupt nicht mehr“, gefolgt mit
„Treten Sie ein!“ Und gleich danach kam ein
Angebot für eine Ladung von gutem Wallnussholz aus
dem Garten. Und dann saß ich beim Mineralwasser in
einem wunderschönen Arbeitszimmer, angespannt und
neugierig darüber, was sich hinter dieser
couragierten Frau eigentlich versteckt...
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Frau Gräfin Daisy Zdislava Waldstein – für jeden sprechen seine
Taten
Frau
Daisy Zdislava Waldstein
war schon seit ihrer Kindheit ein sehr kosmopolitischer Mensch,
geboren 1927 in London in der Familie eines Diplomats. Wenn sie
über Rokytnice in Mähren erzählte, wo sie ihre Kindheit verbracht
und nach eigenen Worten dort mit viel Liebe als ein gewöhnliches
Mädchen groß geworden ist, konnte man in ihren gütigen Augen ein
wenig Sentimentalität, schöne Erinnerungen an alte, lange
vergangene Zeiten und etwas Heimweh sehen. Gleich nach dem Krieg
ist sie mit der Familie nach Wien übergesiedelt, wo sie auch ihr
Abitur geleistet hat. Ihre Pläne weiter zu studieren und
Dolmetscherin zu werden sind wegen zu hoher Kosten für ein
solches Studium nicht Wirklichkeit geworden, das Schicksal hat
ihre Karten anders gemischt – sie hat eine Lehre als Hutmacherin
abgeschlossen. Dann hat sie ihren ersten Ehemann, Herrn Thun von
der Fabrikantenfamilie der Karlsbader Porzellanmanufaktur kennen
gelernt. Ihr erstgeborener Sohn wurde mit Down-Syndrom geboren –
eine harte Prüfung für das Leben. Nach dem Tod ihres ersten
Ehemanns hat sie zum zweiten Mal geheiratet und Herrn Dr.
Berthold Waldstein-Wartenberg von Trebitsch zu ihrem Gemahl
gewählt.
Auf Wunsch ihres ersten Mannes hat
sie für den Orden der Malteser Ritter als Krankenpflegerin in den
Krankenhäusern gearbeitet. In den Zeiten der kommunistischen
Tschechoslowakei hat sie sich an verschiedenen Hilfsaktionen
beteiligt, vor allen bei der Beschaffung von Medikamenten durch
ihren Verbündeten und Freund Kardinal Tomasek. Frau Daisy
Zdislava ist eine liebe, nette, temperamentvolle und energische
Dame, durch das Leben gestählt. Sie hat ihre Ideale nie
aufgegeben. Und vor allem ist sie die liebende Mutter von vier
Kindern und eine Frau mit dem Herzen auf der Hand.
■ Sie haben
letzte Woche die höchste österreichische Auszeichnung für den
Aufbau der Malteserhilfe hier in Österreich erhalten. Ist das für
Sie so etwas wie ein Weg nach Mount Everest, ein langer, schwerer
und komplizierter Weg, den man dennoch wagt um am Ende eines
Tages auf seinem persönlichen Gipfel zu stehen?
Zu
Auszeichnungen habe ich eine ambivalente Meinung. Aber in diesem
Fall hat es mir doch Freude bereitet. Ich habe es für den Aufbau
der Malteserhilfe in den Jahren 1950 bis 1970 bekommen. In den
achtziger Jahren wurden wir durch die Mitwirkung eines
tschechischen Spions zu Unrecht beschuldigt. Es
war eine große Beleidigung für meinen Mann, der darunter bis zum
Ende seines Lebens gelitten hat. Aber jetzt habe ich eine
Auszeichnung für die Arbeit bekommen, welche früher angegriffen
wurde. Damit konnte sich mein Mann nie abfinden und deswegen bin
ich glücklich – für ihn. Schade nur, dass er dieses Ereignis
nicht erleben konnte.
Ich
würde lügen, wenn ich behaupten würde, dass mir eine Anerkennung
keine Freude bereitet, aber das ist nicht das Wichtigste. Meine
Kinder haben sich sehr gefreut und das ist wieder Freude für
mich, denn ich bin zuerst eine Mutter. Und ich sage Ihnen offen:
wenn mich mein Kind anlächelt, weil ich ihm einen
Tischtennisschläger mit Ball geschenkt habe, freut es mich noch
mehr – eine Auszeichnung, die sehr lange ganz tief im Herzen
wärmt.
Ich
habe auch einen Orden vom Papst bekommen. Bei der Übergabe konnte
ich noch bemerken: „Ich brauche eigentlich keinen Orden, ein
Rettungswagen für die Malteserhilfe hätte mir gereicht!“ Man hat
mir lachend geantwortet, dass der Heilige Vater keine
Rettungswagen verteilt, sondern nur Orden vergibt.
■ Der Adel,
insbesondere die Damen des Adels haben während der letzten Jahre
eine große Umwandlung und eine Emanzipation erfahren, wovon Sie
ein gutes Beispiel sind. Sie sind ein sehr aktives Mitglied des
Ordens der Malteser Ritter und Gründerin der charitativen
Organisation Servo, welche sozial schwache Kinder und alte
Menschen unterstützt. Welche Aufgabe hat der Adel ihrer Meinung
nach in der jetzigen Gesellschaft?
Die
wichtigste Aufgabe ist die Verantwortung, die uns von unseren
Eltern auferlegt wurde – Verantwortung für Menschen die für uns
oder mit uns arbeiten. Unsere Eltern haben uns moralische und
ethische Werte gelernt, sie haben uns zur Beachtung der Bibel und
der Zehn Gebote geführt. Ich werde nie vergessen, wie meine
Mutter während des Krieges unsere Angestellten materiell und mit
Geld unterstützt hat. Und dieses Verantwortungsgefühl wird von
Generation zu Generation weitergegeben. Das war für mich der
Grund dem Malteserorden beizutreten und später die charitative
Organisation Servo in Prager Stadtteil Barrandov zu gründen. Ich
wollte zeigen, dass es die wichtigste Aufgabe der Aristokratie
heute ist nicht nur an sich selbst zu denken.
■ Wie schon
erwähnt, sind Sie ein aktives Mitglied des Ordens der Malteser
Ritter, welches sich nach dem Grundsatz „Tuitio fidei et
obsequirum pauperum“ – „Den Glauben verbreiten und anderen in
der Not helfen“ richtet. War dieses Motto eines der Impulse zur
Gründung der charitativen Organisation Servo in Prag?
Nach
dem Tod meines Mannes hat mich der österreichische Kardinal
Schönborn zu den Dominikanern nach
Tschechien in Jablonne v Podjestedi geschickt. Dort habe ich auch
im Jahr 1998 das ewige Gelübde als Tertiarin des Ordens der
Dominikaner abgelegt und den Ordensnamen Zdislava angenommen.
Zuerst sollte ich mich um das hiesige Krankenhaus kümmern, wo
Hilfe notwendig war. Vater Heinrich hat mich direkt gefragt:
„Kannst du es?“ Und ich habe nur geantwortet: „Mal sehen, ich
werde es probieren!“ Und es hat geklappt! Ich habe mich um alte
Menschen gekümmert und immer wieder jemanden gefunden, der uns
finanziell unterstützt hat.
Während der katastrophalen Überschwemmungen in Mähren 1997 musste
ich sofort helfen. Eine große finanzielle Hilfe ist aus
Deutschland gekommen, aus Italien kam sogar ein Angebot zum Bau
von neuen Häusern. Von der Europäischen Union haben wir im Rahmen
des Projekts ECHO eine Million Euro bekommen und damit 260 Häuser
repariert. Kurzum: wir haben jede Menge Arbeit geleistet.
In
dieser Zeit habe ich auch ein ungewöhnliches Geschenk bekommen:
Fünfzig Toiletten. Ich konnte sie ohne Probleme über die Grenze
schmuggeln, obwohl es die Zöllner bestimmt gewusst haben. Bei der
letzten Fahrt hat ein Zöllner den Fahrer gefragt, was wir schon
wieder schmuggeln. Der Fahrer hat nur geantwortet: “Das ist nicht
besonderes, das ist nur unsere Gräfin mit ihren Klos“ und ich
wusste sofort, dass wir in Mähren sind. Die Bezeichnung „unsere
Gräfin“ war eine sehr sympathische Anerkennung meiner Arbeit. Es
war eine sehr aktive und bewegte Zeit.
Danach
habe ich angefangen unter der Schirmherrschaft der Dominikaner
Hilfe für die „Schlüsselkinder“
in Prag-Barrandov zu organisieren. Diese Organisation wird Servo
genannt, was bedeutet „Ich pflege die Tradition der Nächstenliebe“.
Ich fühle mich nämlich für die Kinder verantwortlich, die mehr
oder weniger durch die Strasse erzogen werden. Ich will ihnen
nicht predigen, vielmehr durch eigenes Beispiel die richtige
Richtung für das Leben zeigen. Ich habe angefangen bei den Frauen
der Diplomaten um Hilfe zu „betteln“ und jetzt bettle ich wie
eine Zigeunerin überall, wo es geht. Und das Ergebnis? Am Anfang
hatten wir zwanzig Kinder in Monat und jetzt werden wir von bis
zu hundert Kindern täglich besucht.
■ Sie treffen
bedeutende Politiker, sind mit interessanten Persönlichkeiten
befreundet, müssen wichtige Entscheidungen treffen. Ist es Ihnen
gelungen sich selbst, Daisy Zdislava Waldstein, treu zu bleiben?
Ich
habe schon immer sehr viel gearbeitet, für mich selbst bleibt
keine Zeit, aber ich will mich nicht beklagen. Wenn ich vier
Kinder erzogen habe, konzentrierte ich mich auf den Aufbau eines
schönen Heimes. Das ganze Leben habe ich mich um den Zusammenhalt
der Familie bemüht und es ist mir wirklich gelungen – wir sind
eine lebendige Familie, die zusammen hält. Und meine Kinder haben
mich so geformt, wie ich bin.
Meine
älteste Tochter folgt in meinen Fußstapfen. Sie hat verschiedene
Kurse absolviert und ist eine aktive Krankenpflegerin geworden.
Die andere Tochter Zdislava folgt wieder den Weg meines Mannes,
hat den Titel des Magisters der Geschichte erworben und
interessiert sich für die Geschichte der Familie. Die Söhne sind
nicht so engagiert, aber die Töchter sind wie ich energiegeladen.
Im
Jahr 1989 habe ich das erste Mal meine jüngere Tochter Zdislava
nach Tschechien mitgenommen und mich sehr darüber gefreut ihr
meine richtige Heimat zu zeigen. Aber das, was wir gesehen haben
war ein Schock. Die Felder lagen brach, auf dem Weiher keine
einzige Ente. Die Straßen waren leer, auf dem Dorfplatz saß
niemand. Es war nicht mehr mein schönes Dorf! Die Tochter sagte
mir: „Du hattest Recht, die Felder sind gelb und die Wälder
schwarz“. Es ist nur ein kleiner Rest meiner Erinnerungen
geblieben und eine große Enttäuschung, weil ich meinen Kindern so
oft über das schönste Land auf der Erde erzählt habe und jetzt
konnte ich es ihnen nicht mehr zeigen. Es war wie eine Szene aus
einem schwarz-weißen Film. Alles so traurig – weg war mein
lustiges Mähren! Eine herbe Enttäuschung für mich - das Mädel aus
Hana, aber vor allem für mich als Mutter.
■
Wir haben
über die Gegenwart gesprochen und jetzt würde ich Sie gerne nach
der Zukunft des Adels fragen. Nach allen den Epochen und
Veränderungen, welche die Adeligen erlebten, haben sie sich doch
als unsterblich erwiesen. Sie sind allen möglichen Metamorphosen
durchgegangen und auch, wenn sie sich immer ein wenig verändert
haben, ist der Grund des langfristigen Wirkens bis heute
geblieben. Wo sehen Sie für den Adel die Chance des Überlebens in
die nächsten Jahrhunderte?
Dadurch, dass wir arbeiten und die Traditionen und Ideale der
moralischen Werte erhalten werden. Sich bei der Mitwirkung in der
Politik darum einsetzen, dass es nicht so viel gelogen und
betrogen wird. Nur so können wir überleben. Der Adel hat eine
Aufgabe – die Herkunft aus einer Familie mit langer Tradition
verpflichtet zum guten Vorbild zu werden.
Meine
Mutter hat mir schon als kleines Mädchen immer betont, dass mich
der liebe Gott nicht umsonst in die Adelswiege gelegt hat,
sondern deswegen, damit ich immer den anderen helfen konnte.
Die
Hauptaufgabe des Adels ist auch für die Zukunft die Verantwortung
für die Menschen um uns. Die tschechische Aristokratie ist
größtenteils so und deswegen hat sie die besten Voraussetzungen
die nächsten Jahre zu überleben.
■ Am Ende unseres Gesprächs würde ich gerne bemerken,
dass die inneren Werte eines Menschen für Sie das Wichtigste im
Leben sind. Meine letzte Frage ist daher sehr direkt: Sind Sie
stolz zum Adel zu gehören, den Titel einer Gräfin zu tragen?
Überhaupt nicht. Es ist eher eine Aufgabe, keine Auszeichnung.
Ich bin ein Mensch wie jeder andere, mein einziger Vorteil liegt
vielleicht darin, dass ich sehr streng erzogen wurde. Ordnung,
Gehorsam, religiöse Tugenden, gute Ausbildung – das sind die
Werte auf welche man bei meiner Erziehung den größten Wert gelegt
hat. Einige Menschen sprechen mich als Schwester Zdislava (mein
Ordensnamen), die anderen sagen zu mir Schwester Daisy, die
Zöllner haben mich immer als Frau Gräfin angesprochen. Und auch
in Tschechien sprechen sie mich gerne mit meinem Titel an,
wahrscheinlich deswegen, weil die Waldstein-Familie sehr bekannt
ist.
Ob
mir der Titel Gräfin bei meinem so genannten „betteln“ hilft?
Keine Ahnung. Unsere Familie ist sehr ehrlich. Das Geld, was man
uns anvertraut hat kommt immer dorthin, wo es wirklich gebraucht
wird. Und daher glaube ich, dass mir meine Arbeit und ihre
Ergebnisse viel mehr helfen als der Titel der Gräfin. Und so soll
es im Leben sein.
Ob es
ein Adels-, ein akademischer- oder ein politischer Titel ist, für
jeden sollen vor allem seine Taten sprechen.
Übersetzer:
Ctirad Panek
exkluzivnì pro Pozitivní noviny ©
Martina Pfeffer, 20.9.2006
foto © z archivu hrabìnky Daisy Zdislavy Waldstein
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