-
-
 Unser
Klavierlehrer hat unsere Familie zu einem Hauskonzert in seine Villa am Fuße
der Eifel eingeladen. Obwohl er normalerweise in Köln am Rhein lehrte, lebte
er wegen der frischen Luft in der Eifel.
-
- Mit einer
beinahe tschechischen Geste zeigte er uns zuerst alle Zimmer seiner
repräsentativen Residenz und anschließend auch den Garten. Jeden Baum, jede
eigenhändig gepflanzte Blume hat er mit Namen genannt. Da ich erwartete,
dass er darauf wartet, habe ich die Brust gespannt, tief Luft geholt und
gesagt: „Herrliche Luft hier!“
- „Ach was“,
sagte er „Ach was“ und zeigte auf einen nahen Berg. „Wegen dem sind wir
hierher gezogen!“ Und dann hat er uns mit bitterer Miene sein gesamtes Leid
geklagt. Der Berg war eine Mülldeponie. Die Luft wird durch das ewige Modern
verpestet und das durch den Garten fließende malerische Bächlein wurde nicht
wegen Ertrinkungsgefahr eingezäunt. Die Ufer waren mit Unkraut bewachsen,
aber der Bachgrund war tot und schwarz. Aus dem malerischen, rekultivierten
Berg floss giftige Brühe. „Stellen Sie sich vor, neuerdings, nach fünfzehn
Jahren haben sie dort einen Kohlkopf ausgegraben – er war noch grün! Und
Injektionsspritzen, noch voll mir rotem Blut!“
- Während des
Konzerts saß er still in einer Ecke.
-
-
 In
den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts ist ein junger Künstler in die
Strassen gezogen, nannte sich „Macher“ und hat es gewagt „Aktionskunst“ und
die Verantwortung für den Zustand des Lebensraums zu verbinden. Hier war er
der erste.
-
- Eines Tages hat
er bei einem lokalen Müllunternehmen für 80.000 Mark mehrere Tonnen Abfall
gekauft: Blechdosen, Papier, Lumpen, aber auch Teile von Rechnern,
Hausgeräten und alles, was man sonst in den Mülltonnen findet. Dann hat er
ein Gelände organisiert und fand einen Sponsor, der ihm Kleber schenkte und
weitere Hilfe versprach. Innerhalb von sechs Monaten hat er daraus
Eintausend Figuren zusammengeklebt – „Trash People“ oder „Müllmänner“ in
Lebensgröße. Und dann ist er damit in die Welt gezogen.
-
- Seine
„Müllmänner“ wurden an einigen bedeutenden Plätzen in der Welt ausgestellt:
auf dem Roten Platz in Moskau, unter der La Grande Arche in Paris, an der
chinesischen Mauer, in Peking und sogar unter den Pyramiden in Ägypten.
-
Und
jetzt, das erste Mal in Deutschland auf dem Platz vor der berühmtesten
gotischen Kathedrale in Köln am Rhein.
- Die „Müllmänner“
standen dort, aus Abfall zusammengeklebt, von den lebendigen Menschen mit
einem Metallzaun getrennt. Ich habe nach dem Grund dafür gefragt. Die
Antwort: Damit sie von den Vandalen nicht beschädigt werden, damit sie von
ihnen nicht in das verwandelt werden, was sie eigentlich sind – in Abfall.
- Der
"Aktionskünstler“ H. A. Schult hat seinen Figuren für die Zeit der
Ausstellung in der rheinischen Metropole auch einen Namen gegeben, um die
Kölner zu reizen: „Cologne People“ – die Menschen von Köln, Kölner. Und es
war nicht schwer zu begreifen, dass er verstanden wurde.
-
- Die „Müllmänner“
werden jetzt in sechzehn blaue Container verladen und zuerst nach New York
und dann nach Santiago de Chile verfrachtet. Und dann? Antarktis! Einer der
ganz wenigen Plätze auf unseren Globus, die noch einigermaßen sauber sind.
Wahrscheinlich wird man dort nicht zu viele Besucher finden, aber ich freue
mich schon auf die Bilder, auf die bunte Armee, auf dem unendlich weißen
Teppich.

-
- Nach Tschechien
ist keine Reise geplant. Warum auch – man kann zwar jede der Figuren für
eine Ausstellung in Tschechien für die Kleinigkeit von sechstausend Euro
kaufen – aber Herr Schult kennt wahrscheinlich die Tschechen: Sie werden
ihre Figuren lieber selbst zusammenkleben. Und vielleicht ist es eine Idee,
um die aus dem Ausland eingeführte Abfälle loszuwerden und sich es doppelt
bezahlen lassen.
-
- Man sagt, dass
man heute Kunst aus allem machen kann. Das stimmt.
- Aber die
Menschen sind in der Lage aus allem Abfall zu machen.
-
Übersetzer:
Ctirad Panek
- Text: Zdislav Wegner,
3.5.2006
- Foto: Mateusz
und Przemyslaw Fraczek
DOPORUÈUJEME: další èlánky z rubriky ZAJÍMAVOSTI nebo
v sekci
PUBLICISTIKA |