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Beim
Verlassen des schönen Kaffeehauses Sacher in Wiener
Stadtmitte fühlte ich mich heute wie in den Wolken
schwebend. In meiner Seele breitete sich ein echtes
Gefühl von kindlicher Fröhlichkeit, mein Gesicht zeigte
das breite Lächeln eines unheilbaren Narren. Ich bin
unendlich reich geworden. Nein, keine Sorge, in diesem
Kaffeehaus habe ich weder eine gerade gefundene reiche
Tante aus Amerika getroffen, noch habe ich meine
Gewinnzahlen von Lotto erfahren Ich habe lediglich
einen Menschen getroffen, einen Menschen, der mich in
einem Gespräch von zwei und halb Stunden sehr reich
gemacht hat – reich um Kenntnis einer unendlich klugen,
sensiblen, charmanten, menschlichen und bohemehaften
aber trotz dem fest auf der Welt verankerten
Persönlichkeit. Das außergewöhnliche Gespräch mit
Herrn Toni Stricker und seiner Managerin und
Arbeitskollegin war für mich eine große Freude und eine
Feststellung, dass es auf dieser Welt immer noch
Menschen gibt, die gerne Schönheit verschenken.
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Toni Stricker
wurde 1930 als ein klassisches Beispiel eines
Nachkommens der vergangenen K.u.K. Monarchie
in Wien geboren. In seinen Adern fließt
österreichisches Blut seiner Mutter,
kroatisches seines Vaters und sogar einige
Tropfen tschechisches – Uronkel Homolka war
Rektor der tschechischen Schule in Wien. Toni
wurde schon bald eine Legende sowohl in
seiner Heimat wie auch in der Welt als
Komponist und Geigenspieler, der Menschen
verzaubern kann. Seine Zauberei mit der
Geige ist einmalig und nicht kopierbar – es
ist teuflisch und göttlich, romantisch und
orientalisch, mit Elementen der Zigeunermusik
und des Jazz. Seine Musik wird durch die
Farbenvielfalt und Harmonie der Töne
charakterisiert. Sie ist einmalig, sie wird
in keiner Schule gelernt. Toni Stricker
bringt in seine Musik viel Gefühl, man fühlt
Liebe und Schmerz, Freude und Trauer, Glaube,
Hoffnung und Phantasie. Die Quelle seiner
Inspiration ist die Schönheit der Natur des
österreichischem Weinlands Burgenland –
früheren Teils von Pannonien. Er sagt:
„Meine Musik riecht nach Erde.“
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■ „Herr Stricker,
wenn ich meiner österreichischen Familie und meinen Freunden über
das geplante Interview berichtete, reagierten alle mit
Enthusiasmus und mit Freude. In Österreich sind sie wohl ein sehr
bekannter und beliebter Künstler. In den Medien werden Sie der
österreichische Paganini oder der Teufelsgeiger genannt. Wenn Sie
aber selbst in den Spiegel schauen, wenn sehen Sie dort?“
Toni Stricker lacht herzlich und sagt: „Ich bin schon lange auf
dieser Welt. Die Zeit rennt mir viel zu schnell und ich habe mich
in diesem Schnellzug immer nur nach einem für mich wichtigen
Fahrplan gerichtet: alles, was ich mache und gestalte tue ich nur
aus innerer Überzeugung. Ich tue nicht das, was man von mir
verlangt oder was man von mir erwartet. Für mich ist es am
wichtigsten mir treu zu bleiben, meinen Prinzipien, meinem
Moralkodex. Ich liebe meine Geige, sie hat mein Leben reich
gemacht. Nicht nur für mich, aber auch weil ich durch sie mein
inneres Reichtum an andere Menschen weitergeben konnte. Wenn ich
in den Spiegel schaue, sehe ich dort ein Gesicht voller Falten,
aber einen zufriedenen Menschen. Die Falten sind nicht durch
Gewissensbisse entstanden, sie sind nur ein Beweis dafür, dass
viel Zeit vergangen ist.“
Und ich kann nur hinzufügen dass der
virtuelle Spiegel einen ungemein sensiblen Menschen zeigt, einen
Menschen mit aufrichtigen und weichen Augen, mit Händen, die mich
eher an meinen Großvater erinnern und nicht an einen
erfolgreichen Violinspieler und einen Menschen mit
außergewöhnlicher Ausstrahlung. Kurzum ein Mann, den man nicht so
oft begegnet.
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„Sie
richten sich nach dem Motto von Herbert Karajan: Musiker sind
auch Menschen. Sie haben bereits ihr fünfzigjähriges
Arbeitsjubiläum und ihre goldene Hochzeit gefeiert. Welchen
Rezept würden Sie uns für ein glückliches und zufriedenes Leben,
verbunden mit Ruhm und Erfolg verschreiben?“
„Ich versuche meinen eigenen Weg zu gehen und nicht
nur den allgemeinen Trends folgen. Natürlich habe ich in meiner
Jugend viel probiert und mich selbst und meinen Platz in der
Musikwelt gesucht. Nachdem ich das klassische Studium auf dem
Konservatorium abgeschlossen habe, fing ich an als Komponist von
Jazzmusik und als Musiker. Komponiert habe ich für viele bekannte
Künstler, Musik für Film und Fernsehen geschrieben. Ich arbeitete
im Rundfunk und kreierte eigene Produktionen. Mein Problem mit
dieser Tätigkeit war, dass ich ständig unter Druck, nach fremden
Vorgaben, nach gültigen Trends arbeiten musste. Irgendwann habe
ich angefangen zu rebellieren – es war meine persönliche
Revolution in den Siebzigen Jahren. Nur in Burgenland fühlte
ich mich mehr und mehr glücklich. Dort, wo ich von meinem Vater
ein Grundstück geerbt habe und wohin wir immer öfter in das
Wochenendhaus gefahren sind. In dieser Umgebung fühlte ich mich
immer besser. Dortige Natur und die Menschen dort haben mich so
verzaubert, dass ich mein erfolgreiches, gut bezahltes aber nicht
freies Berufsleben praktisch aufgegeben habe. Ich habe mich von
den Fesseln befreit und einen dicken Strich hinter diesem Kapitel
meines Lebens gezogen. In drei Etappen habe ich ein Haus gebaut
und angefangen frei wie ein Vogel zu leben – ohne Trends und ohne
Druck der Medien. Es war die Zeit der Selbstfindung: Was will
ich, welche Musik erfüllt mich? Zu meiner Überraschung war auch
meine Frau mit dieser Änderung einverstanden und empfahl mir:
„Mache nur das, woran du selbst glaubst, der Rest wird sich
später finden.“
Ein ganzes Jahr habe ich fleißig Geige spielen geübt, wanderte
ziellos durch die Gegend, redete mit Einheimischen und gewann
viele wunderbare Freunde. Alle diese Erkenntnisse und Gefühle
habe ich später in meine Musik eingefügt. Die Quelle meiner
Inspiration war vor allem die Landschaft Pannoniens (das ist
heute ein Teil von westlichem Ungarn, das Burgenland und die
südliche Slowakei.)
Ich habe festgestellt, dass die Menschen, die in meinem
pannonischen Meer leben trotz Sprachbarrieren sehr viele
Gemeinsamkeiten haben – Traditionen, Denkweise, Verhaltensweise.
Aus diesen sehr persönlichen Erkenntnissen entstand die erste
Studioaufnahme mit dem bulgarischen Gitarristen Peter Marinov.
André Heller – mein Freund und der Schlüssel zum Anfang meiner
Karriere – bezeichnete meine Kompositionen als „ ein Zimmer mit
frischer Luft“. Danach produzierte ich eine weitere sehr
erfolgreiche Aufnahme, nur mit meiner Musik. Es folgte eine
Reihe von Konzerten in der ganzen Welt. Und so entwickelte sich
meine persönliche Note der pannonischen Musik.
Ich habe mir eine Position aufgebaut, wo ich mein eigener Boss
wurde und die mich bis heute sehr zufrieden macht. Mein Schicksal
konnte eventuell eine andere Richtung nehmen, aber die Basis
meines Erfolgs war der Glaube an mich selbst. Obwohl ich eine
Zeit lang nur von Hand in den Mund leben musste, habe ich mich
nie betrogen und am Ende wurde ich durch Erfolg belohnt.“
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Sie haben die ganze Welt bereist. Man könnte sagen, Sie sind
überall auf der Welt zuhause, ein Weltbürger. Wenn Sie nicht
unterwegs sind, leben Sie teilweise in Österreich in Burgenland
und teilweise in Südfrankreich. Wo sind Sie wirklich zuhause?
Ich bin in Wien geboren
und dort sind auch meine Wurzeln. Heute bin ich Burgenländer aus
Überzeugung. Zu diesem Teil Österreichs habe ich schon von
Kindheit an eine besondere Beziehung. Und dann habe ich mir einen
weiteren Traum erfüllt – ein Haus in Südfrankreich. Dieses Land
ist eine weitere Quelle meiner Inspiration geworden. Ich
identifiziere mich mit Franzosen und ihrem Lebensstil – es
gefällt mir genau das, was ihnen häufig vorgeworfen wird –
Chauvinismus, gesundes Selbstvertrauen und Stolz. Sie sind locker
bis bohemenhaft und lieben wie ich gutes Essen. Leider war ich in
meinen jungen Jahren zu abhängig von meiner Heimat, andererfalls
wäre ich wahrscheinlich Franzose geworden. Ich lebe dort meistens
fünf Monate im Jahr, betrachte das Meer und ignorieredas andere
Leben. Selbstverständlich bin ich ein großer Patriot und vergesse
nie, in welche Wiege mich meine Mutter hingelegt hat. Aber es
schadet gelegentlich nicht die Heimat aus einer anderen
Perspektive, aus anderem Land zu betrachten. Man gewinnt so einen
anderen Blick auf die Menschen, auf die Politik und die Kultur.
Eigentlich bin ich zu Hause an drei Stellen – in Wien, in
Burgenland und in Südfrankreich. Und an alle drei Stellen komme
ich gerne zurück.
■ Der jüdische
Pianist Daniel Barenboim sagte einmal, dass er mehr von der Musik
für das Leben gelernt hat als vom Leben für die Musik. Ist das
auch für Sie gültig?
Vor einer Woche habe ich ein Konzert in Stepphansdom in Wien
gegeben. Die Kirche war bis zum letzten Platz gefüllt. Ich habe
angefangen zu spielen und fühlte mich glücklich, dass ich meine
innere Harmonie auf diese Weise allen den Menschen weitergeben
konnte. Und das erfüllt mich, es gibt meinem Leben einen Sinn –
etwas aus meinem Ich, die Gefühle von Freude und Glück an andere
zu übergeben, Werte, die in der heutigen Zeit selten und für
manche bedeutungslos sind. Das ist eben der Sinn meiner Musik –
diese Werte zu beleben und in Erinnerung zu rufen. Wenn ich etwas
mit Herzen, mit echten Gefühlen mache, werden es auch meine
Zuhörer so fühlen und meine Geige wird sie erfreuen oder traurig
machen. Die Musik ist meine Mission für mein ganzes Leben. Ich
lerne von ihr und sie lernt mich ein vollwertiges Leben zu leben.
■ Wie ich Ihnen so
zuhöre, kann ich mir kaum vorstellen dass es ein anderes,
zufriedeneres Leben in Schönwetterwolken und in der ewigen Sonne
gibt. Haben Sie aber auch Gewitter erlebt, die Ihnen den
Lebensweg wesentlich erschwert haben?
Im Leben stolpert man immer über Hindernisse, es gibt Momente,
auf die ich nicht gerade stolz bin. Es ist aber wichtig immer
wieder aufzustehen, sich treu bleiben und sich nicht brechen
lassen. Mein Leben konnte einen anderen Weg nehmen, einen viel
bequemeren, ich konnte gut verdienen und keine Sorgen haben. Man
musste sich nur im richtigen Augenblick auf der richtigen Stelle
zeigen. Wenn ich aber darüber nachdenke, sehe ich, dass ich
gerade in meinem Alter all dies nicht tun muss. Ich brauche nicht
für Geld und Ruhm Dinge tun, von deren Qualität und deren Sinn
ich nicht fest überzeugt bin. Und deswegen muss ich immer noch
viele kleinere oder größere Schwierigkeiten überwinden. Aber
sowohl im Leben wie auch im Beruf braucht man Streicheleinheiten
und gelegentliche Ohrfeigen. Denn das leben ist eine bunte
Farbpalette und wir selbst müssen entscheiden welche der vielen
Farben zu benutzen.
■ Ihre Musik kann
verzaubern, sie ist zeitlos, voll geladen mit Emotionen und
Energie. Man kann dabei träumen, meditieren aber auch Duft des
Orients einatmen. Wenn ich zur Entspannung von den Pflichten
einer Mutter im Bad ihre CD gehört habe, konnte ich Burgenland
fühlen und riechen, das Land, wohin ich jeden Sommer gerne
zurückkehre. Ist ihr zeitloser Musikstil als Protest und
Kontrapunkt zu der Hektik unserer Zeit zu verstehen?
Die
Zeiten ändern sich, unsere Welt wird immer hektischer, alles
orientiert sich nur auf Konsum und den Diktat großer Konzerne.
Wenn sie heute Radio Wien einschalten, was hören sie? Popmusik
aus den Staaten! Wo ist unsere österreichische Produktion
geblieben? Wir hören nicht Wien, sonder Amerika. Die großen
Konzerne diktieren die Richtung, welche die erfolgreichen Musiker
einschlagen sollen. Und diejenigen, die sich nicht diesem Diktat
unterordnen wollen haben es sehr schwierig sich durchzusetzen.
Österreich war schon immer multikulturell, hier wurde schon immer
deutsch, tschechisch, slowakisch, ungarisch und kroatisch
gesprochen. Heute ist es alles verschwunden und im Radio hören
wir nur Lieder in englisch. In dieser Beziehung sind zum Beispiel
die Franzosen sehr unterschiedlich, sie bewahren ihr Gesicht,
ihre Identität in der Musik und in der Kultur. Vielleicht ist es
der Grund meines Erfolges dem Wunsch der Massen nicht zu
unterlegen. Es ist wichtig nicht nur hinter dem Reichtum zu
hetzen und gelegentlich ein wenig Abstand durch „streunen durch
Burgenland“ zu gewinnen. Es muss nicht ein ganzes Jahr dauern!
■ Eine
Therapiemethode, für unsere hektische Zeit gut geeignet ist die
Therapie durch Kunst. Es war eines der Gründe für das Vorhaben
eines ungewöhnliches Konzerts in Prag mit dem Namen „Töne der
Erde, Farben des Feuers“ mit dem Ziel die Schönheit in uns zu
wecken. Im Smetana – Saal des Gemeindehauses werden abstrakte
Bilder des tschechischen Malers Zdenek Hajny mit Ihrer Musik
begleitet. Was war für Sie das wichtigste Grund für die
Mitarbeit an diesem ungewöhnlichen Projekt?
Ich hatte die Möglichkeit die Bilder des Herrn Hajny nur im
Katalog zu betrachten, aber sie haben mich sofort angesprochen.
Ich bin sicher, dass wir bezüglich der Gefühle und Eindrücke zwei
verwandte Seelen sind, wir sind auf der gleichen Wellenlänge. Der
andere Grund ist der Auftritt gerade in Prag. Ich betrachte es
als eine Schande dass ich, der die ganze Welt bereist hat noch
nie in Prag gewesen bin, in der Stadt meines Onkels - des Geigers
und meines ersten Lehrers. Über Prag habe ich viel gehört und
freue mich schon sehr auf das tschechische Publikum. Hoffentlich
werden sie meine Geige genauso verzaubern wie die traumhaften
Bilder Herrn Hajny.
■ Und ich selbst
glaube fest daran. Wenn ich mich von diesem ungewöhnlichen
Menschen verabschiedet habe, bedankte er sich sehr herzlich auch
mit einem kleinen Geschenk – einer Schachtel von echten Sacher-Pralinen.
Und auch so hat er mir das Leben gründlich versüßt.
Exlusives Reportage, für "Pozitivni
noviny" führte ©
Martina Pfeffer, 6.6.2006
Übersetzer:
Ctirad Panek
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