czech
Version

 
   
  Dr. Ernest Waldstein - Martina Pfeffer: Mann mit einer aristokratischen Nonchalance

In der Zeit als ich mich in die Reihen der Kindergarten- und später Schulpflichtigen Kinder gefügt habe, spielte ich – wie die meisten kleinen Mädchen – gelegentlich die Rolle einer Prinzessin. Hierzu gehörte  ein schönes langes Kleid (in meinem Fall war  es Mutters Hochzeitskleid), die kindlichen Vorstellungen des Lebens auf einem Schloss und später noch die Träume vom Prinzen auf einem weißen Ross. Beinahe dreißig Jahre danach stieg ich die Treppe hoch in den zweiten Stock eines alten Bürgerhauses gleich neben dem Schloss Belvedere in Wien und dachte an die Erinnerungen meiner Kindheit. Ich hatte kein langes Kleid einer Prinzessin, ich war nicht in einem Palast, aber in der Wohnung Nummer sieben hat mich, anstatt eines Prinzen persönlich der Graf Waldstein mit seinem großen Hund ganz herzlich willkommen geheißen. Auf diese Weise hat sich der Traum meiner Kindheit doch erfüllt und ich konnte mich mit Herrn Graf unterhalten. Er hat auf mich sofort den Eindruck eines gebildeten, weisen und geachteten Mannes gemacht.

 

Dr. Ernst Graf Waldstein

Wurde im Jahr 1925 in Doksy als Nachkomme des so genannten „Mönchgrazer“ Zweiges der Waldstein – Dynastie geboren. Seine Kindheit und seine Jugend hat er in Böhmen verbracht. Eine Verkettung von Umständen in seinem Leben hat ihn unfreiwillig nach Österreich verschlagen. Im Jahr 1944, genau am Tag des tschechischen Nationalfeiertags am 28. Oktober wurde er als Soldat am Bein verwundet und nach Wien gebracht. Danach wurde er in Österreich sesshaft  und hat  mit seiner Mutter und Schwester Zuflucht in Tirol gefunden. Als Ernährer der Familie hat er auf dem Bauernhof gearbeitet. Nach Tirol ist 1946 auch sein Vater Karl gekommen. In den Vierzigen Jahren hat Graf Wallenstein auf der höheren Handelsschule in Wien sein Abschluss gemacht, 1954 geheiratet und ist Vater von zwei Söhnen geworden. 1954 siedelte die Familie in den österreichischen Süden nach Kärnten über. Dort hat sich Graf Wallenstein sehr aktiv an der Arbeit von verschiedenen kirchlichen Organisationen beteiligt und wurde unter anderem zum Präsident einiger katholischen Verbände gewählt. In den achzigen Jahren hat er sehr engagiert die unterdrückten Kirchen in mehreren kommunistischen Staaten unterstützt.
Zur Zeit lebt  er ein augenfällig zufriedenes, ausgeglichenes Leben mit seiner engsten Familie und zwei Hunden in Wien. Er besitzt nicht nur die richtige aristokratische Nonchalance, aber auch ein nettes mitteleuropäisches Herz.

  „Alles was wir tun oder nicht tun müssen wir in den Augen unserer Vorfahren
                und in den Erwartungen unserer Nachkommen rechtfertigen.“
 
 
■ Ich wollte schon immer zur Aristokratie gehören. Es hat mich weder die Macht noch das Reichtum gelockt, ich war vielmehr an der Kenntnis interessiert – Kenntnis über meinen Ursprung, meine Vorfahren – wie sie gelebt haben, wodurch sind sie berühmt oder nicht berühmt geworden, auf was kann ich stolz sein. Was für ein Gefühl ist es für Sie heute   Mitglied einer berühmten Dynastie zu sein?  
Rodokmen Waldsteinù - potomci Karla IV. 
Selbstverständlich bin ich auf meine Familie sehr stolz, trage aber eine gewisse Bürde der Verantwortung. Dank zufällig erhaltenen Dokumenten ist es uns möglich die Geschichte unserer Familie viel tiefer als bei den anderen tschechischen Dynastien zu verfolgen, nämlich bis zum Jahr 1159.  Historiker haben uns zuerst nach dem ersten Mitglied der Familie (Markwart) als Markwarter bezeichnet. Erst ab dem 13. Jahrhundert haben sich Familiennamen vor allem nach den Namen der Burgen etabliert. Nach der mongolischen Invasion, die unsere Burg nur sehr knapp verfehlt hat wurden Holzburgen in Burgen aus Stein umgebaut. Hierfür hat man erfahrene Baumeister aus dem Westen eingeladen. Durch die zunehmende Germanisierung bekam auch unsere rein böhmische Familie einen deutschen Namen – Wallenstein.
 
■ Das Wort „Patriotismus“ klingt genauso altmodisch wie der deutsche Begriff „Vaterlandsliebe.“ Es ist die Liebe zum Land insgesamt, mit seinen Bewohnern und seiner Geschichte. Es bedeutet aber dass man auch die Dinge lieben muss, die einem nicht gefallen, man darf davor die Augen nicht verschließen. Was ist für Sie Patriotismus? Wer sind Sie tief in Ihrer Seele?
 
Eine richtige Antwort auf diese Frage ist eher ein Sprachproblem. In Deutsch würde ich es mit dem Begriff „Böhme“ ausdrücken. In Tschechisch gibt es keine genaue Übersetzung, der existierende Begriff „Tscheche“ ist für mich zu eng. Ich bin durch die Kulturtraditionen des Landes sehr beeinflusst. Und obwohl ich schon über sechzig Jahre in Österreich lebe, bin ich immer noch mit Leib und Seele ein Böhme (homo bohemicus)!
Patriotismus wird gelegentlich mit Nationalismus verwechselt. Das Wort „Patria“ bedeutet „das Land der Väter“. Das sind gemeinsame Traditionen des germanischen, tschechischen – und nicht vergessen – des jüdischen Volkes. Diese alten gemeinsamen Traditionen wurden leider im 19. Jahrhundert durch den zunehmenden Nationalismus gestört – zum Schaden für das tschechische Land. Für mich sind Böhmen und Mähren immer noch das Land der Väter und Mutter – und das sagt alles. Die Kulturtraditionen bleiben hier immer noch in deren Ursprungsform erhalten. Aber die sprachliche und kulturelle Trennung zwischen dem blühenden Germanismus und der neu geborenen tschechischen Sprache im 19. Jahrhundert war eine unglückliche Entwicklung. Aus der gemeinsamen Arbeit und Kultur, die sich schon über Jahrhunderte entwickelten und überdauerten sind plötzlich Gegensätze entstanden. Ich bedaure, dass gerade die Zeit der nationalen Wiedergeburt sich in so einen starken Nationalismus verwandelt hat, der auch die nächsten Generationen beeinflusst hat. Heute benutzen wir die offene Grenze für gegenseitige Besuche, es werden viele verschiedene Aktivitäten durchgeführt, aber die gemeinsamen Traditionen und Sitten sind leider nicht mehr da.
 
■  Wir leben in einer Zeit, in der vor allem ein großer Teil der jungen Generation nur für heute lebt. Die Vergangenheit ist für sie ein  fremdes oder langweiliges Begriff. Sie stammen aus einer Dynastie mit reicher Vergangenheit und tiefen Traditionen ab. Was glauben Sie: wie wichtig ist es auf die lange vergangenen Zeiten zu erinnern, die Traditionen und Erfahrungen der Vorfahren an die junge Generation zu übergeben?
 
Ich bin davon überzeugt dass die Menschen der neuen Generation auf dem besten Wege in eine bessere Zukunft sind. Sie haben doch keine Minderwertigkeitskomplexe, keine Erfahrung mit verschiedener Fremdpropaganda, sie sind lockerer und in der Lage aus der berühmten und reichen Vergangenheit des Landes zu schöpfen. Der Mensch lernt ständig und die Vergangenheit könnte manchmal als Lernstoff dienen. Aber  auch die uns bekannte Lehre kann missverständlich sein. In 19. Jahrhundert wurden einige Etappen dieser Zeit wegen des zunehmenden Nationalismus absichtlich anders interpretiert. Aber die heutigen jungen Historiker suchen die richtige Wahrheit, sie sind an keinen konstruierten, nicht belegten Fiktionen interessiert. In Gegensatz zu den Zeiten der letzten fünfzig Jahre werden sie nicht mehr von der Politik missbraucht.
Manche junge Menschen sind aber durch den Einfluss der politischen Ereignisse und die langsame ökonomische Entwicklung enttäuscht und fühlen sich betrogen. Ich glaube, dass das gegenwärtige Problem in Tschechien darin besteht, dass die Revolution zu „samtig“ verlaufen ist, es fehlt die personelle und moralische Bereinigung. Selbstverständlich kann man das neue System auch ohne diese Bereinigung aufbauen, aber dieser „samtige“ Weg ist viel langsamer. Man kann die Korrekturen des verbogenen menschlichen Charakters schlechter und langsamer durchführen. Die Politik und die Wirtschaft kann man langsam rekonstruieren, aber die fünfzig Jahre Diktatur haben vor allem die Menschen – ihr grundlegendes gesellschaftliches Verhalten beeinflusst, vor allem ihre Initiative und ihre Meinungen. Diese Menschen haben das eigenständige Denken und die Verantwortung für eigenes Tun vergessen. Ich denke, dass schon einiges besser geworden ist. Aber vor allem die ältere Generation hat die größten Schwierigkeiten mit der langsamen und teilweise kontraproduktiven Entwicklung. Und das ist wahrscheinlich der Grund dafür, dass die tschechische kommunistische Partei immer noch so stark ist.
Das tschechische Volk hat aber mit seiner Portion von „Schweikertum“ einen großen Vorteil. Damit kann man Ereignisse und Taten taktvoll umgehen, die sich als unerträglich erwiesen haben. Eine meine gute Freundin aus Prag hat diese Eigenschaft sehr genau erkannt: „ Aus dem guten Soldat Schweik wurde in Laufe der Zeit der Professor Doktor Schweik“. Aber das „Schweikertum“ ist eine Eigenschaft, welche auch als Rezept zum Überleben betrachtet werden kann. Mann muss nur die Grenzen achten und sein eigenes Urteilsvermögen beibehalten. Und deswegen glaube ich, dass es für die junge Generation wichtig ist sich ständig an die ruhmvolle Geschichte unseres Landes und and die Beispiele bekannter Persönlichkeiten zu erinnern.
 
■ Das amerikanische Magazin Time hat in einem Leitartikel Prag als „die Seele Europas“ bezeichnet. Sehen Sie es auch so und fühlen Sie sich auch als ein Teil dieser Seele?
 
Valdštejnský palác - pohled z Valdštejnské zahradyIn mir erzeugt Prag das Gefühl „hierher gehöre ich, dies ist meine Stadt!“ Ich spaziere an den Stellen vorbei, welche mich an meine jungen Jahre,   an meine Tante Marinka Waldstein erinnern – eine Person, die von der Familie und von ihrer gesamter Umgebung geliebt wurde. Sie hat als die letzte der Familie im Valdstein-Palast gewohnt, sogar noch in der Zeit der Totalität. Sie ist gesegnete 104 Jahre alt geworden und hat immer, in jeder Lage, bei jeder Regierung ihr Gesicht, ihre Fröhlichkeit und ihre Weltanschauung behalten. Deswegen erzeugt in mir jeder Besuch des Valdstein-Palasts eine nostalgische Erinnerung  an diese unvergessliche Persönlichkeit.
Während des Umbaus des Palasts vor einigen Jahren hat mich der Architekt um Rat gebeten. Bei  gemeinsamem Durchgang haben wir feststellen müssen, dass es zwar sehr groß ist, aber über kein ausreichend großen Saal für die Tagungen des Senats verfügt. Wir haben gesucht und einen riesigen Raum gefunden, in dem Albrecht von Waldstein achtzig Pferde untergebracht hat. Und dort hat man das Sitzungszimmer für einundachtzig Senatoren errichtet.
Selbstverständlich fühle ich mich in Prag zu Hause und deswegen wünsche ich mir aus der Tiefe meiner Seele dass diese Stadt einmal die Hauptstadt der Europäischen Union wird. Denn Prag wurde schon immer nicht nur geologisch als „das Herz Europas“ bezeichnet, sondern auch als das geistliche Zentrum zwischen Osten und Westen.
 
■ Sie haben sich in Österreich aktiv in vielen katholischen Organisationen engagiert. In den achzigen Jahren haben Sie sich intensiv um die Vertiefung des Kircheneinflusses in den kommunistischen Ländern eingesetzt. Wie wichtig ist Glaube und Religion für Sie persönlich?
 
Ich hätte mich nicht so sehr engagiert, wenn ich kein gläubiger Mensch wäre. Weiß, wie schwierig die Frage der Religion in den tschechischen Ländern ist. Wir müssen tief in die tschechische Vergangenheit schauen, um dort die Wurzeln des großen Anteils an nicht gläubigen Menschen zu finden. Reformation und Antireformation sowie der Streit zwischen Katholiken und Protestanten haben zum Ausbruch des dreißigjährigen Krieges in Europa geführt, in dem Katholiken unter der Führung der Habsburger gesiegt haben.  Dieser Krieg war keinesfalls ein Streit zwischen Tschechen und Deutschen, wie es uns Historiker des 19. Jahrhunderts eingeredet haben, sondern ein Streit der zwei Religionen und der mit ihnen verbundenen Regierungen. Alles, was nach diesem Krieg aus Wien kam wurde nur zögernd, mit Widerstand aufgenommen. Die Konsequenz daraus ist der heutige Pessimismus in Böhmen (nicht in Mähren) der Religion gegenüber.
Die Suche nach einem neuen Weg zum Glauben und Religion ist sehr wichtig. Manchmal suchen wir nach der Richtung, an der wir uns orientieren sollen - nicht nach dem, was amüsant und erfreulich ist, sondern nach der Menschenwürde jedes einzelnen, verbunden mit moralischen Werten. Ich treffe häufig Menschen, die sich in der Kirche besonders stark engagieren. Es sind keine Priester, sondern einfache Sterbliche, die ihre Arbeit für die katholische Gemeinde als eine klare Selbstverständlichkeit betrachten. Ihr Lebensinhalt ist Hilfe für diejenigen, die sie brauchen und sie glauben auf diese Weise dem Gott zu dienen. Sie brauchen keine Anerkennung, sie suchen nach dem Sinn ihres Lebens und das ist ihr Gott. Mein Gott ist auch für mich der Sinn meines Lebens.
Ich war ständig in einem engen, obwohl inoffiziellen Kontakt mit der ehemaligen kommunistischen Tschechoslowakei. Meine Familie hat versucht überall, wo es ging zu helfen, zum Beispiel durch Lieferungen von hochwertigen Medikamenten, die dort nicht verfügbar waren. Seit 1961 war ich zweimal im Jahr im Land, meistens um verschiedene Priester wie zum Beispiel Kardinal Tomasek zu treffen. Diese Treffen fanden immer unter strenger Kontrolle „von oben“ statt. Am meisten hat mich gefreut Menschen treffen zu können, den ich nicht nur materiell, sondern vor allem moralisch und psychisch helfen konnte. Es war keine einfache Zeit, aber für mich war es eine Lebensaufgabe.Karel Albrecht Waldstein
 
■  Einer der Gründe für das heutige Interview ist das Treffen einiger von lebenden Nachkommen der Primisliden, welches Ende Juli in Böhmen   anlässlich des 700. Jubiläums des Aussterbens der ersten böhmischen Königsdynastie stattfindet. Werden Sie an dieser Aktion teilnehmen?
 
Ich und mein älterer Sohn Karl Albrecht werden mit Sicherheit teilnehmen und ich freue mich schon jetzt sehr darauf. Wir kommen zusammen nicht nur als die Nachkommen der Primisliden, sondern auch als eine große Familie. Karl Schwarzenberg zum Beispiel ist mein indirekter Neffe, meine Mutter stammte der Familie Kinski ab und auch meine Frau ist mit ihnen verwandt. Wir sind einfach eine große, in der ganzen Welt verstreute Familie - und was in den Familien am wichtigsten ist – halten zusammen in guten und schlechten Zeiten.
 
 
Und so endete für mich das zwei Stunden dauernde Märchen. Vor dem Haus kam plötzlich  aus heiterem Himmel ein richtiger Regenguss und hat aus einer träumenden Prinzessin ein nasses Huhn gemacht. Der Bus, mit dem ich zu einem anderen wichtigen Treffen gefahren bin hat seinen Dienst verweigert und ich musste mir ein Taxi suchen. Ein Viertel der Tonbandaufnahme verschwand wie verzaubert. Am Ende habe ich diesen Artikel im Krankenhaus mit Assistenz meiner kranken Tochter geschrieben. Anscheinend habe ich in meinem Märchen mit dem Drachen Pechvogel gekämpft. Aber wie es in den Märchen ist, in den der Hauptdarsteller der Herr Graf persönlich erscheint, am Ende hat alles ein glückliches Ende genommen.

text © Martina Pfeffer, 20.7.2006, autoøi fotografií © Václav Vondráèek a Robert Novák
rodokmen © Jan Drocár , foto Valdštejnské zahrady © Pavel Loužecký
Übersetzer: Ctirad Panek